Der Jungbrunnen

Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Der Jungbrunnen
Objektart
Einzelobjekt
Maler
Herstellungsort
Deutschland
Datierung (Herstellung)
1546
Tafelmaß
122,5 x 186,5 cm
Rahmenaußenmaß
148,5 x 211,5 cm
Material
Material/Technik
Lindenholz
Schlagwort
Inventarnummer
593
Beschreibung
Die Sehnsucht des Menschen nach Unsterblichkeit und ewiger Jugend läßt ihn träumen. Er träumt davon, seinen müden, gebrechlichen Leib hinter sich zu lassen und erneuert und jugendfrisch wiederzuerstehen. Hilfe bei solcher Verjüngung versprach man sich von den Vier Elementen, denen man magische, zeugende und reinigende Kräfte zusprach. Erlebt doch jedermann, wie die Natur sich im Kreislauf des Jahres stetig erneuert. Im Frühjahr erwacht sie, reift im Sommer und trägt im Herbst Frucht; sie erstirbt im Winter, um dann erneut wiederzuerstehen. Diese Kräfte, die, immer neu gebärend, junges Leben schaffen, vermochten, so ging der Glaube, auch gealterten Menschen zu neuer Jugend zu verhelfen. Feuer und Wasser sprach man solche magischen Fähigkeiten mit Vorliebe zu. Wie der mythische Vogel Phönix gealtert im Feuer vergehe und zu Asche werde und aus dieser sich glänzend und verjüngt wieder erhebe, so sehne auch der Mensch sich nach Verwandlung. In vielerlei Mythen, Sagen und Märchen spricht sich diese Sehnsucht aus. Weit draußen in der Wildnis, fern von bewohnten Stätten, gebe es eine Quelle oder einen See. Das Wasser darin habe die Kraft, die Spuren des Alters hinwegzuwaschen. Wer darin bade, tauche aus dem Wasser verjüngt wieder auf. Das Thema war zu Cranachs Zeiten wohl jedermann geläufig. Schon im hohen Mittelalter ging die Sage vom Jungbrunnen in die Literatur ein. Im 15. Jahrhundert war ein solches Gedicht des Nürnberger Verseschmiedes Hans Rosenplüt verbreitet. Zwei Jahre nach Cranachs Jungbrunnen verfaßte Hans Sachs ein Gedicht zu dem Thema, mit Motiven, die an dessen Darstellung erinnern. Cranachs Gemälde ist keineswegs die einzige bildliche Fassung, es ist nur das einzige große Tafelgemälde dieses Themas, das wir kennen. In der Graphik ist die Darstellung eines Jungbrunnens nicht selten, auch als Wandgemälde kommt das Thema vor. Der Glaube an die reinigende Kraft des Wassers liegt auch rituellen, religiösen Waschungen zugrunde, die in vielen Religionen verbreitet sind. Die Taufe ist eine solche Reinigung von Sünden. Thomas Murner, der elsässische Humanist, hat in seiner »Badenfahrt« (Straßburg 1514) die Taufe als einen Jungbrunnen der Seele dargestellt. Dieser Gedanke fand auch bildliche Gestalt. Ein Gemälde Jean Bellegambes in Lille zeigt einen Taufstein, gefüllt mit dem Blut Christi. Ein Kruzifix ragt daraus empor wie ein Brunnenstock. Die Tugenden, Caritas und Spes, helfen den Gläubigen in das Bad, das ihre Sünden abwäscht. Der Jungbrunnen Cranachs hingegen ist von mehr weltlicher Art. Er liegt fern von der Stadt, deren Türme im Hintergrund aufragen: ein rechteckiges Becken, zu dem Stufen hinunterführen, zwischen Bergen und Wiesen gelegen. Frauen baden darin. Sie kommen auf dürren steinigen Wegen aus einem unfruchtbaren Bergland, dessen Kargheit sinnbildlich auf die Entbehrungen des Alters hinweist. Hilflos werden sie auf Karren oder Wagen herbeigefahren, auf Tragen oder auf dem Rücken werden sie herbeigeschleppt. Am Beckenrand helfen junge Frauen beim Entkleiden. Ein Doktor wirft noch einen letzten hoffnungslosen Blick auf seine Patientin, ehe diese ins Bad steigt. Als recht unterschiedlich erweisen sich dann die Charaktere. Manche Frauen steigen mutig ins Bad und durchqueren es entschlossen, andere sitzen zögernd am Rand und bedürfen der Überredung oder lassen sich gar hineinziehen. Als hinfällige, greisenhafte Vetteln steigen sie ins Becken. Dort entfaltet sich die zauberhafte Wirkung des Wassers. Wie die Frauen das Becken durchqueren, glätten sich die Runzeln, die graue Haut strafft sich und wird rosig, und rechts am Beckenrand verlassen sie das Bad als mädchenhafte, liebenswerte Frauen. Ein Kavalier empfängt sie und geleitet sie in ein Zelt, wo sie gekleidet werden. In neuem Gewand und geschmückt reihen sie sich ein in den Reigen. Kavaliere unterhalten die Frauen. Eine Tafel lädt zum Mahl. Die Gesellschaft verbringt einen heiteren Tag mit Tanz, Schmausen und mit Liebe